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Bahn fahrn

Reise durch die Republik
im Regen
im Sommer

Stuttgart Hbf Gleis 7
Ein alter Mann mit langem weißem Haar und schwarzem Cowboyhut an dem ein langer grau-weißer Fuchsschwanz befestigt ist. Es gibt Leute, denen begegnest du nicht im ICE.
ab 9:07 Stuttgart…
bis zum bitteren Ende: ein Tote Hosen T-Shirt stürmt den Wagon mit zehn weiteren Wir-haben-große-Ferien-Freunden, fünf Kisten Bier, einem Ghettoblaster und bestimmt 20 Rucksäcken. Der Wagon war vorher voll. Furore. Die ältere Frau am Fenster nebenan verrenkt sich den Hals und guckt so schön schwäbisch-pikiert, dass ich lachen muss. Zahnspange zischt das erste Bier und der Zug fährt an. Zwei Kapuzenpullis hocken auf zwei Bierkisten und spielen Autoquartett, und Hatebreet T-Shirt kippt eine Flasche Cola und zwei Flaschen „Jackie“ in einen 5 Liter Kanister. Draußen Weinberge. Die Jungs fahren nach Berlin, zumindest singen sie das irgendwann. Der Mann mit dem kleinen Bistrowagen kommt und kommt nicht durch. Scheißjob, denke ich. Jemand macht hinter mir den Ghettoblaster an und über mir das Fenster auf wobei ich einen Ellbogen an’ Kopf kriege. Nee, schon ok macht nix. Jemand aus der Wir-haben-große-Ferien-Freunde-Gruppe erzählt die Geschichte einer Mini-Bar als er daletzt im Urlaub mit seinen Eltern war. Zum zweiten Mal kommt dieser Mann im Poncho ins Abteil, der entfernt an Jesus erinnert und fragt die Jungs, ob er noch eine Flasche Bier haben könne. Kann er. Blonder pubertierender Pferdeschwanz mit Ampelmännchen auf dem T-Shirt unterhält sich mit dem älteren Mann von der Frau mit den roten Haaren. Dem Typen, der seitlich an meinem Sitz lehnt, riecht es aus der Hosentasche nach Haschisch. Hatebreed lässt eine Packung Chips platzen. Die Chips fliegen durch den ganzen Wagon. Der Mann von der Frau mit den roten Haaren sagt Schade, dass hier jetzt keine Tauben sind (!)

In Würzburg verspätet und drei Minuten Zeit zum Umsteigen von Gleis 2 auf Gleis 10. Ich hab’ beim Rugby rempeln gelernt. Der Zug nach Erfurt ist voller als voll und scheißeheiß. Die 1. Klasse ist leer und alle stehen geballt im engen Eingangsbereich und keiner traut sich in die 1. Klasse. Bis auf… Fuchsschwanz mit Freunden. (Er hilft mir, meine Tasche in das Gepäcknetz zu hieven.) Ich finde in der 2. Klasse wo kein Platz mehr ist doch noch einen zwischen grossen Koffern. Mir schräg gegenüber sitzt Military-Man auf seinem Arsch und verschränkt die Arme, Military-Rucksack auf dem Sitz neben ihm. Ich überlege, ob er vielleicht zu schwach ist, seinen Military-Rucksack ins Gepäcknetz zu heben. Military-Man hat eine Narbe auf der Stirn, ein bißchen wie die von Harry Potter vielleicht. Es riecht nach Gurken und kaltem Hühnchen und nebenan gibt’s Knackwurst aus der Plastikpackung. Mir gegenüber tippen Titten sms und enttäuscht kräuselt sich das Näschen sobald das Netz weg ist. Ein alter dicker Mann schnauft vorbei und schwitzt. In Bad Neustadt (Saale) holt die antelefonierte Oma die beiden Mädchen ab. Gartenstühle gegen Tische gekippt im Café-Garten. Die Titten üben jetzt für die Führerscheinprüfung, Theorie. Ein Mädchen kommt von der Toilette zurück und beschwert sich bei ihrem Freund laut über die Punks, die die Toilette blockieren mit drei Bierkisten, Beine im Weg, Ghettoblaster und vielen Flaschen Jackie. Dann nimmt das Mädchen ihren rattenkleinen Hund auf den Arm und es entwickelt sich ein Gespräch über rattenkleine Hunde zwischen ihr und dem Sitznachbarn auf der anderen Seite des Gangs. Der Sitznachbar hat ganz-kurze graue Haare und einen kleinen schwarzen Oberlippenbart, ein langärmliges schwarzes Hemd mit einer Schachtel Malboros in der Brusttasche und eine langbeinige schwarze Jeans und genau die gleichen Schuhe wie seine Frau, die einen Sitz hinter ihm sitzt. Nach einer Stunde kriegt der Freund von dem Mädchen mit rattenkleinem Hund endlich das Fenster auf. Kühler wird’s irgendwie aber nicht. Es ist heißheißheiß scheiß-heiß schwül stickig drückend tropisch nicht auszudrücken. Ein kleines Kind mit rotem Kopf und sonst nur Windel watschelt über’n Gang und quakt. Manchmal, wenn die Automatiktür am Ende des Wagons sich öffnet, hört man die Wir-haben-große-Ferien-Freunde und ihren Ghettoblaster grölen und alle Spießer hier recken ihre Hälse wie Gänse. Ich schlafe ein bißchen bis ich merke, dass mir der Mund offensteht und wir durch Nadelwald mit Bergen fahren. Regen bemalt die Fenster.

Erfurt ist immer noch Großbaustelle. Ich kaufe einen Klogang für 70 Cent und einen Obstsalat im Angebot für 99 Cent. Im Zug nach Göttingen dann höre ich mir ein Telefongespräch auf russisch an, nebenan. Russisch mit Akzent – irgendwas vom Bosporus bestimmt. Vielleicht auch Kaukasus. Nur unterbrochen von ärgerlichen Funklöchern kommuniziert der Kerl Geldgeschäfte und es geht um viele Probleme und viele Mädchen die Babette u.a. heißen und um viele Euros, das Wort Transfer fällt und es gebe Arbeit für denjenigen mit dem der Kerl nebenan telefoniert. Jedes fünfte Wort ist „ehrliches Wort, ey!“ Der kuriose Kerl hat kein Gepäck dabei, nur sein superkrasses Handy. Trotzdem ist die Verbindung wieder weg und dann wieder da. Der Kerl telefoniert jetzt mit jemand anderem, jetzt auf türkisch und ich verstehe nichts mehr. Eine Lautsprecherdurchsage verkündet, dass im zweiten Wagen ein herrenloser schwarzer Koffer stehe und dass der Besitzer diesen doch bitte abholen solle.

Göttingen es regnet und ist grau. Metronom nach Uelzen. Ein Mädchen fragt in welche Richtung der Zug fahre weil wenn sie rückwärts fährt wird ihr echt schlecht. Im Eingangsbereich sitzt ein Rasta-Pärchen und sie nörgelt Menno warum ist der Zug denn so beschissen voll. Die beiden haben echt riesen Rucksäcke dabei. Aber ich gucke mich um und finde jeden sechsten Platz unbesetzt und denke Echt und sowas wollen Hippies sein.

Einbeck Salzderhelden. In Hannover Chaostage und auf dem Bahnsteig Polizei und Punks und Hannover96-Schals. Ein gegelter Hinterkopf vor mir erzählt jemand habe im Zug-WC ins Waschbecken gekotzt. Das blondblondierte Mädchen das Jura studiert erzählt, sie habe das gar nicht wissen wollen. Jemand weiter weg mir gegenüber glotzt mich dauernd an, ich glotze in mein Buch. Ich habe keinen Bock mehr und auf dem Gleis nebenan sehe ich den ICE nach Hamburg. Ich will Pommes mit Ketchup und Majo. Der gegelte Hinterkopf und die blondblondierte Jurastudentin steigen aus und vor mir im Vierer sitzen jetzt zwei Männer die aussehen wie aus Peru oder die Ecke da und außerdem ein älterer Mann mit weißem Hinterkopf, der sich mit näselnde Jammerstimme über die schlimmen Zustände bei der Deutschen Bahn und dann über die schlimmen Zustände in deutschen Landen beschwert bei einer Dame von der sich in der Fensterscheibe eine rosa Blumenbluse, lila Halstuch, gewellte graubraune Haare und eine Brille ohne Fassung spiegeln. Der eine Peruaner wird angerufen, sein Handy ist auf laut geschaltet man hört eine Frau temperamentvoll spanisch zetern und ein Kind weint auf dem Arm der Frau. Die Sonne scheint und weiße Wolken. Laubbäume, lauschige Lauben, grillende Gärten, grüppchenweise Fahrradfahrer über Felder.

Uelzen kunstvoll Hundertwasser-Bahnhof. Kunst und keine Imbißbude.
Im Metronom nach Hamburg: Brian, 6 und Mami und ein jüngerer Mann, dessen verwandtschaftliche Beziehung zu Mami und Brian unklar ist. Der Mann sagt manchmal etwas mit einer eher weiblichen Stimme, Brian erzählt Kinder-Quatsch und Mami meckert die ganze Zeit mit Brian. Dabei war Brian fast eine Totgeburt erfahre ich weil Mami es dem Mann erzählt. Brian verkündet er wolle zum Himmel hochpinkeln, was ich sehr amüsant finde, die Mami aber mit Schoko-Entzug straft. Brian erzählt außerdem von Sponge Bob, den Power Rangers und Biene Maja. Außerdem bewegt er sich zu viel, findet die Mami, die aussieht als könnte sie auch die Omi sein, sich selbst aber die ganz Zeit Mami nennt. Mami sagt, Brian du kriegst zu Weihnachten und zum Geburtstag keine Geschenke, wenn du nicht endlich… Brian! Ich erzähle Papi wie böse du warst. Brian heult ziemlich künstlich und der Mann sagt schwul Oh guck dir mal den Sonnenuntergang an. So ein schöner Sonnenuntergang! Leider versperrt einem aber plötzlich eine Schallschutzmauer die Aussicht bis zum Hauptbahnhof
Hamburg.

Am Hauptbahnhof kaufe ich direkt an der Bushaltestelle Pommes und der Türke hat ein Timing und ist genau in dem Moment fertig als mein Bus kommt ich springe rein und überlege dass man ja im Bus Pommes gar nicht essen darf. darum setze ich mich mit dem Rücken zum Busfahrer aber dann sitzt mir gegenüber eine Polizistin und guckt ich gucke woandershin und klecker nicht ein einziges Mal.

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durch die Republik

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DB, Menschen, Regionalzüge

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