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ID dpiduw

Back All (1)

Ein letzter Blick auf die Meisterurkunde, bevor er sie wieder an die Wand hing. Nach all den Jahren der Mühe; und wofür?
"Was erwarten Sie nun von uns Herr Jenich?" hatte ihn der Personalchef von Krauss-Maffei gefragt, als er seinen Meisterbreif als Maschinenbauer vorgelegt hatte.
Veränderungen, hatte er gedacht; "weiß nicht" aber nur gesagt.

Mit einem leichten Zug schloss er die Wohnungstür hinter sich. Kaum war auch die weiße Tür des Mehrfamilienhauses hinter Mark zugefallen, scheuerten die ungewohnten Riemen unangenehm an seinem Hals. Also warf er den Rucksack von seinen Schultern und setzte sich auf die unterste Stufe der Steintreppe vorm Haus.
Liegt es an dem Rucksack oder an meiner Empfindlichkeit, fragte er sich bekümmert, wie er mit dieser nicht eingeplanten Belastung klar zu kommen gedachte.
"Zu schwer", murmelt er leise vor sich hin, gerade, als Fräulein Salbei an ihm vorbei drängelte.
"Sagt ausgerechnet der, dessen breiter Hintern die gesamte Treppe sperrt", nörgelte diese enttäuscht. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie Mark immer für einen vollendeten Kavalier gehalten. Schließlich war er der Einzige im Haus, der sich, ihres Wissens nach, noch niemals über ihren ausladenden Hintern ausgelassen hatte.
"Rassist!" schimpfte sie deshalb wütend und wanderte, die schwarze Lockenpracht auf ihren Kopf wild hin und her schwingend, nach links in Richtung Bahngleise davon.
Mark schaute sich verwirrt um. Wen hatte Frau Salbei denn nun wieder als Neonazi entlarvt? Da er niemanden entdeckte, der auch nur annähernd verdächtig genug wirkte, wandte er sich wieder seinem Rucksack zu. Mühsam entknotete er die Verschnürung des wasserdichten Beutels zwischen seinen Beinen. Ein Blick ins Innere ließ ihn erschrocken zurückfahren.
"Aha!" rief er laut und lachte aus vollem Hals, "erwischt mein Freund."
Franz, der immer wieder für Ordnung im Haus sorgen musste, wie er behauptete, ließ vor Schreck die Tageszeitung fallen.
"Ich wollte die nicht klauen", rief er kleinlaut hinter der Haustür, an der vorbei er noch immer seinen nun ins Nichts greifenden Arm nach Draußen in Höhe des Briefkastens von Frau Salbei hielt.
"Ich wollte sie nur der Schwarzen auf die Fußmatte legen", äffte daraufhin die krächzende Stimme der alten Klee aus dem kleinen Fenster des Gästekloraums ihrer Wohnung.
Mark schaute kurz nach rechts, fühlte sich aber nicht wirklich angesprochen. Was gingen ihn die Zankereien der Nachbarn an, die, genau genommen, seit zehn Minuten nicht mehr seine Nachbarn waren.
Vorsichtig sah er sich um, bevor er das schwere Päckchen herausnahm. Verflixt, dachte er, warum habe ich nicht eher daran gedacht? Was mache ich jetzt damit? Zurückgeben geht ja wohl kaum.
Fräulein Salbei kam langsam auf ihn zu.
Auch das noch.
Was sitzt der Blödmann denn immer noch da? fragte sie sich und entdeckte das kleine Paket in seinem Schoss. Das ist doch ...,dachte sie erstaunt und wollte Mark fragen, als dieser plötzlich aufsprang. Nur mit Mühe und beiden Händen hielt er das Paket an seiner Schnur.
Ich schicke es weg. Mir voraus. Irgendwohin. Hätte mir auch eher einfallen könne, kritisierte Mark sich selbst. Schnell bückte er sich nach seinem Rucksack und machte sich auf den Weg zur Post. Unterwegs, so nahm er sich vor, werde ich ein erstes Ziel für meine Wanderschaft festlegen. Seinem Vorsatz, ohne Zielsetzung loszuwandern, hatte er soeben eine Absage erteilt. Ging ja nun nicht mehr. Hätte er das blöde Ding doch nie mitgenommen.
"Alles Gute, Fräulein Salbei", sagte er im Vorbeigehen.
"Ihnen auch", rief diese irritiert zurück. "Gehen Sie fort?"
"Ja."
"Wohin?"
"Weiß nicht."
"Kommen Sie wieder?"
"Vielleicht."

ID dpiduw, H.P.BarkamH.P.BarkamRank 3, Activity: 0%, Views: 946, Chars: 3644, 109 months ago

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  • Mark klaut ein geklautes Päckchen und geht damit auf Reisen

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