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Ein Mann Gottes
„Gott segne Dich!“ Johannes Prätorius nickte dem schüchternen jungen Ding noch einmal kurz aufmunternd zu und erhob sich. Die Kleine hatte immer noch Tränen in den Augen. Sie stand auf und reichte ihm die Hand. „Vielen Dank, Herr Pfarrer!“, sagte sie leise. Sie strich ihren Rock glatt und wandte sich zum Gehen. „Lassen Sie die Tür angelehnt, bitte.“, sprach Johannes, während er sich ein Glas Wasser einschenkte und sich moralisch auf das nächste Gespräch einstellte. Es waren anstrengende Tage. Er war ein Exerzitienmeister auf Einkehrtagen für junge Frauen ab 16. Zweimal am Tag hielt er einen langen Vortrag, dem die Mädchen mit ungeteilter Aufmerksamkeit folgten. Eifrig schrieben sie Notizen in ihre Bücher und hingen an seinen Lippen. Zwischen diesen Vorträgen schenkte er ihnen seine Zeit, indem er rund um die Uhr für Gespräche zur Verfügung stand. Vor der Tür des kleinen Sprechzimmers stand ein eine Dose mit Nummern. Die Mädchen zogen sich an jedem Morgen eine Nummer und wenn sie an der Reihe waren, kamen sie zu ihm, klopften leise an und setzten sich dann ihm gegenüber auf den Stuhl.
Das kleine Sprechzimmer war ein unspektalurärer Raum, gerade so groß, dass ein Tisch, eine kleine Bank und zwei Stühle darin Platz fanden. In der Ecke hinter der Tür stand noch ein alterschwacher, niedriger Sessel neben einer Stehlampe, die wohl Behaglichkeit vermitteln sollte. Das überdimensional große Kreuz und das kitschige Marienbild an der Wand über dem Tisch riefen einem unentwegt in Erinnerung, wo man sich befand und in welcher Mission man hier saß. Auf dem Tisch stand eine Kerze sowie eine Flasche Wasser und ein Glas. Auf der Lehne des Sessels lag eine alte Ausgabe der biblischen Einheitsübersetzung. Auf der Fensterbank welkten undefinierbare Grünpflanzen vor sich hin. Ansonsten gab dieses Zimmer rein schlicht Raum für das Gespräch, für das gesprochene Wort und den Segen Gottes.
Es klopfte leise. Johannes stellte das Glas zur Seite und setzte sich auf seinen Stuhl. Die Tür öffnete sich und Hannah trat ein. Johannes schien es, als würde es eine Spur heller werden im Raum. Hannah faszinierte ihn ungemein. Sie war 17 Jahre alt und bildhübsch. Ihre langen braunen Haare fielen in weichen Locken über ihre Schultern. Sie hatte große, grüne Augen, in denen er sich nur allzu gerne verlor. Zudem war sie gertenschlank und stets stilvoll gekleidet. Heute trug sie ein dezentes, weißes Shirt und einen knöchellangen, roten Rock. Ihre Füße steckten in weißen Leinenschuhen und ließen den Blick frei auf ihre gebräunten Knöchel.
„Bitte, nimm doch Platz, Hannah!“ Johannes deutete ihr, sich zu setzten. Er kannte Hannah schon sehr lange. Seit sie 13 Jahre alt war, kam sie regelmäßig zu ihm und schenkte ihm ihr bedingungsloses Vertrauen. Er war ihr engster Vertrauter, ihr Wegbegleiter und Beichtvater und sie hatten schon so manche Höhen und Tiefen in Hannahs Leben gemeistert. Aus dem pummeligen, trotzigen Teenie war nun mitterweile eine hübsche junge Dame geworden und Johannes schmeichelte es sehr, dass sie noch immer so regelmäßig zu ihm kam und ihm ihre intimsten Geheimnisse anvertraute.
Hannah hatte ihm gegenüber Platz genommen und die Beine übereinander geschlagen. Sie räusperte sich leicht und faltete die Hände in ihrem Schoß. Johannes musste sich von ihrem betörenden Anblick regelrecht losreißen und sich erinnern, warum sie hier waren.
„Wie geht es Dir, Hannah?“, fragte er sanft und blickte sie interessiert an.
„Ihr Vortrag von heute Nachmittag hat mich ganz schön aufgewühlt“, antwortete Hannah leise und senkte den Blick. Johannes lächelte und lehnte sich zurück. Sie brauchte immer etwas Zeit, um die richtigen Worte zu finden und so wartete er einfach, bis sie weiter sprach.
„Ich habe das nicht ganz verstanden. Sie haben gesagt, dass Gott einen besonders liebt, wenn er einem eine schwere Last auferlegt….“
Johannes beugte sich vor und drückte das geschmolzene Wachs der Kerze nach innen, damit die Kerze nicht hohl wurde. Hannah sprach nicht weiter. Erstaunt blickte Johannes auf und sah Tränen in Hannahs Augen.
„Was ist los, Hannah?“, fragte er und überschlug im Kopf noch einmal den Inhalt seines Vortrages vom Nachmittag. „Was bedrückt Dich denn so sehr?“
Hannah versuchte sichtlich, sich zusammenzureißen. Aber es gelang ihr nicht so recht und die Tränen liefen über ihr Gesicht und ihre Schultern zuckten. Johannes war wie elektrisiert. Hannah weinte! Er hatte schon unzählig viele Mädchen in seiner Gegenwart weinen sehen, aber nicht Hannah! Nicht sie! Nie hat sie sich so bei ihm fallen lassen, dass sie es gewagt hätte, zu weinen. Selbst in den schwierigsten und problematischsten Phasen ihrer Pubertät nicht, in der sie so oft verzweifelt vor ihm saß und seine Hilfe brauchte.
Johannes rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. Dass Hannah vor ihm weinte, löste etwas in ihm aus, das er gar nicht richtig fassen konnte. Er war…irritiert, ja irgendwie völlig verunsichert, aufgeregt, total durch den Wind….Er spürte es, wie ihm heiß und kalt wurde und das Blut in seinen Adern pulsierte. Sein Mund war trocken und er versuchte, zu schlucken.
Hannah war nun völlig aufgelöst. Sie schluchzte hemmungslos und hielt die Hände vor ihr Gesicht.
Johannes nahm seinen Stuhl und rückte näher an sie heran. Er legte seine Hand auf ihre Beine und streichelte sie behutsam. „Ja, weine nur. Endlich weinst du“, sagte er leise und seine Hände zitterten. Was war nur los? Er konnte nicht mehr klar denken und er fühlte sich, als habe er Alkohol getrunken. Hannah ließ sich nicht beruhigen.
„Komm, setz dich hier auf den Sessel, Hannah!“, flüsterte er nun mit rauer Stimme. Sie gehorchte und stand auf. Johannes führte sie hinüber zu dem alten Sessel, wo sie sich setzte. Er kniete neben ihr und hielt ihre Hand.
Lange Zeit kniete er so und während ihr Weinen langsam leiser und das Schluchzen weniger wurde, verließen seine Gedanken den Raum und in seinen Träumen tat er das, was er sich oft vorstellte, wenn Hannah oder eines der anderen Mädchen ihm vertrauensvoll gegenüber saßen. Dann war er nicht mehr der Mann Gottes, der seinen Dienst versah, sondern Johannes Prätorius, der attraktive und begehrenswerte Mann, in dessen Armen es sich die vielen, treuen Mädchen gut gehen ließen. Seine Gedanken strömten wie Altbekanntes durch seine Adern und hinterließen dieses wohlige Schauern und gänzlichen Frieden in seinem Körper.
Etwas fiel zu Boden und Johannes schien es, als käme er von ganz weit her zurück in diesen Raum. Verschwommen nahm er wahr, wie Hannah ihren Rock hochzog, in ihre Schuhe schlüpfte und dann scheu an der Tür stehen blieb.
„Kein Wort!“, flüsterte er. „Natürlich nicht“, flüsterte auch sie mit vor Schrecken aufgerissenen Augen. Sie zitterte, das sah er, denn ihr weiter Rock vibrierte um ihre Knöchel.
Sie huschte hinaus und hinterließ diese entsetzliche Stille und die Enge des Raumes, indem er sich nun aufzurappeln versuchte. Mit zittrigen Fingern brachte er seine Kleidung in Ordnung und hob die Bibel auf, die von der Lehne des Sessels gerutscht war. Er strich seine Haare glatt und entfernte die Teppichflusen von seiner schwarzen Hose. Dann richtete er sich gerade auf, rückte den Kragen seines Collars gerade und schenkte sich ein Glas Wasser ein. Er trank langsam und schaute auf die Uhr. Es war schon fast Mitternacht. Für heute war sein Dienst zu Ende. Morgen würde wieder ein anstrengender Tag werden. Er löschte das Licht und schloss die Tür. In den Gängen, in denen die Mädchen schliefen, war es still. Im Büro der Schwester, die für die Organisation zuständig war, brannte noch Licht. Er tauchte seine Finger in das kleine Weihwasserbecken neben der Ausgangstür und bekreuzigte sich. Dann trat er hinaus in die Nacht.

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