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Schönes Deutschland Depression

zu Dreissig Euro. Straubing-Hamburg in 12:29 Stunden. Sonntag.

in Straubing –
alle Fahrkartenautomaten kaputt.

Nürnberg-Würzburg
Neben mir eine pickelige Behinderte auf Inlineskates die mit sich selber redet. Draußen Weinberge. Der Schaffner kommt und bittet doch bitte die Inlineskates auszuziehen, das ist verboten bei der Bahn, verboten! Da sitzt die Frau jetzt barfüß neben mir. Minus drei Grad Außentemperatur. Vor Fürth zieht sie sich die Skates wieder an, legt den Kopf in Nacken und schüttet sich eine ganze Tüte Zwiebelringe direkt in den Mund. Dann steigt sie aus. Ich lese Francoise Cactuse dann Zeitung dann Krieg und Frieden dann wieder Zeitung. Neben mir sitzen zwei alte Männer, die von sich selbst sagen sie seien Bürgermeister in Bayern oder gewesen, dabei speckige Rucksäcke tragen und reden über tote Tugenden und Adenauer. (CSU-Parteimitgliedern sollte das Reden in der Bahn verboten sein). Toilette.

Würzburg-Erfurt
Abfahrt ab hier und dort sitzen Mutter und pubertierender Sohn und haben ihre Lebensmittel ausgebreitet, und essen und der Zug fährt noch nicht. Beide mit blondierten Strähnchen (ich bin mir jetzt fieserweise sicher das ist der Zug nach Erfurt) und sie Brille und er popelt jetzt und grinst während sie aus dem Fenster guckt. Die Abfahrt verzögert sich, aber in Erfurt ist eh eine Stunde Aufenthalt. Ist die Reise so lang wie Tolstoj dick? Ein Mann in schwarzer Lederhose trägt selbsttönende Brille und Strickpulli. Draußen Schnee. Ich lese Zeitung und dann wieder Krieg und Frieden. Erfurt Bahnhof Baustelle, keine Imbissstube

Erfurt-Göttingen
Draußen Deutschland ein Wintermärchen.
die Sonne geht glutrot unter
Deutschland geh...
In Göttingen Bundeswehrsoldaten. Die Nationalhymne als Klingelton.

Göttingen-Uelzen
Der nächste Ort heißt Salz-der-Helden Deutschland Draußen dunkel. Drinnen die Gestalten suspekter. Keine Fahrkartenkontrolle. Uelzen anmaßend Hundertwasser-Bahnhof, Bahnhof Baustelle.

Uelzen-Hamburg
eine sexy stimme säuselt Snäcks finden sie in den bereitstehenden Automaten.
Fußballfans steigen ein und grölen und haben HSV-Schals um die Hälse und Dosenbier in den Händen.

in Hamburg –
liegt ein betrunkener alter Mann auf dem Fußweg, versucht aufzustehen.

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Drei Minuten bis Abfahrt. Ich japse die Treppen bis zu den Bahnsteigen Richtung Gleis 15 hinauf. Reisetasche links, Rollkoffer rechts. Mein Handgelenk wird bei jedem Schritt in die ein oder andere Richtung verdreht.
Eine Welle Aussteigender rollt auf mich zu. Mein Koffer will mich verlassen. Nix da, du kommst mit!
Endlich, bereit zum Einsteigen sehe ich - nichts.
Wo! ...Ist mein Zug!
Anzeige - nichts.
Kompetentes Zugbegleitpersonal - nichts.
Schweißperlen auf meiner Stirn.
Ich hetze zum einladend postierten Auskunftsschalter mit drei netten Bahntanten in adretter Uniform. Alles wird gut.
Nichts wird gut! Eine von Dreien legt Papier in den Drucker. Gut das muß auch sein. Die Zweite von Dreien telefoniert und die Dritte verhandelt mit fünf aufgeregten Kanadiern. Englischkenntnisse wären von Vorteil.
Aufgeregt bin ich jetzt auch. Eine Servicenummer neben der Anzeigentafel verspricht Linderung meiner Qualen. Natürlich kostenpflichtig. Nur zehn Cent aus dem Festnetz. Mit meinem Handy sicher das Zehnfache!
Es rauscht in meinem Ohr. Das wird doch nicht das Adrenalin sein, welches langsam mein Blut verdünnt?
"Bitte haben Sie ein wenig Geduld. Ein persönlicher Berater wird sofort ... Guten Tag. Mein Name ist <Mister Allwissend und ich werde Sie nun umgehend an Ihr Wunschziel beamen>, wie kann ich Ihnen helfen?"
"Mein Zug ist weg!"
"Tut mir leid. Möchten Sie eine alternative Verbindung zu Ihrem Reiseziel?"
"Er war noch nie da. Nach München. Von welchem Gleis?"
"Tut mir leid. Wegen Bauarbeiten fährt dieser Zug heute von Gleis 8. Leider hat er vor einer Minute den Bahnhof verlassen."
"Wieso steht das nicht an der Anzeige?"
"Tut mir leid. Möchten Sie eine alternative Verbindung zu Ihrem Reiseziel?"
"Ja, bitte"
Schweigen. Rauschen. Resignation.
"In einer Stunde von Gleis 13. Über Zwickau, Reichenbach, Hof"
"Fährt der durch?"
"Tut mir leid. Sie müßten dreimal umsteigen. Sie haben aber genügend Zeit."
Mir fällt mein Handgelenk wieder ein.
"Wann erreiche ich München?"
"Die Fahrzeit beträgt neuneinhalb Stunden."
Adrenalin.
"Gilt meine Fahrkarte für diese Fahrt?"
"Tut mir leid. Sie müßten sich bitte am Fahrkartenautomat ein neues Ticket holen."
"Wo finde ich den?"
"In der unteren Halle."
"Danke"
"Darf ich Sie im Zusammenhang mit der Verbesserung des Kundenservice um einige Angaben bitten?"
ADRENALIN!
"Nein,TUT MIR LEID"

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