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Irgendwo da draußen in Chicago gibt es einen Mann, der uns so sehr interessiert, dass wir beschlossen, seine außergewöhnliche Lebensgeschichte zu erzählen. Wenn sie ihn kennen lernen, werden sie verstehen warum. Eigentlich lebt er zurückgezogen und ist in seiner Umgebung eher unbekannt. Gläubige Menschen sagen es ist alles vorherbestimmt, wir sagen, es war ein großer Zufall, dass wir ihn gefunden haben. Timothy geht keiner geregelten Arbeit nach. Wenn er Geldbedarf hat, macht er sich auf die Suche. Man könnte ihn als eine Art Lebenskünstler bezeichnen. Er sieht nicht schlecht aus, legt selbst aber keinen besonderen Wert darauf angesprochen zu werden. Erst kürzlich hat er seinen Geburtstag gefeiert - er war 36 geworden. Sein Aussehen beschreibt er selbst meist so: Ich bin männlich, 178 cm groß, habe dunkelblonde Haare und eine nicht mehr so schlanke Figur.
Timothy ist so eine Art Bücherwurm und Ideenmaschine in einem. Ihn interessiert einfach alles. Sein Blick auf die Welt, ist ein Blick auf Objekte in Zwischenstationen ihrer zur Schaustellung. Sie rufen ihn: Verändere mich, wenn du kannst. Er verachtet diese Realität, doch er nimmt den Kampf auf, denkt sie sich neu aus und fängt dann an sie zu lieben. Denn nur durch ihn selbst kann sie ein Teil von ihm werden. Dies macht ihn verständlicherweise eher zu einem intellektuellen Weltbürger, als zum waschechten Chicagoer.
Wenn er ausreichend Geld zur Verfügung hat, dann reist er gerne in fremde Länder. Er benutzt dazu ausschließlich das Flugzeug. Obwohl er ein Verfechter des primärenergiefreien Lebens ist. Denn schließ-lich hat er die CO2-Problematik begriffen und sein Auto gegen eine Busfahrkarte und ein Fahrrad einge-tauscht. D.h. eigentlich müsste er mit einem Segelboot oder einem Segelflugzeug verreisen. Diese Art zu reisen ist ihm aber zu teuer und nicht flexibel genug. Obwohl Timothy selbst gerne segelt. Er ist der stolze Besitzer eines Segelscheines für Binnenseen. Das erlaubt ihm mit kleineren Segelbooten auf Seen über-all auf der Welt zu segeln. Eine Zulassung um auf dem Meer zu segeln hat er nicht. Irgendwie konnte er sich bisher nicht dazu aufraffen, diese Prüfung zu machen. Als Timothy letzten Sommer auf einem Binnensee, mit seinem Segelboot, in eine Flaute geriet und sich heftig darüber ärgerte, kam ihm eine Idee zur Rettung aus Flauten. Offen zugegeben hat wohl niemand Lust sich aus einer Flaute heraus zu pad-deln. Er stellte sich vor, wie schön es jetzt wäre, wenn er in einem Tretboot säße und dank seiner Muskelkraft in den Beinen sich zum Bootssteg hinüber retten könnte. Die Idee einer Kombination von Segel- und Tretboot in einem, hat er aber noch nie irgendwo gesehen oder geschweige davon gehört.
Von seinem Reisefieber haben wir ja schon gesprochen. Nun, ist er denn einmal verreist, so interessiert er sich dort für die Sprache, das Essen und jede Menge historischer Bauten. Meist verreist er alleine. Nicht weil er seine Freundin nicht mitnehmen will, sondern weil er mal gerade wieder keine hat. Da er von Haus aus eher der schüchterne Typ ist. Zurzeit lebt er mal wieder alleine, in einer 2-Zimmerwohung, im Herzen Chicagos. Seine Eltern, die auf dem Lande wohnen, besucht er selten. Eigentlich ist er ja selbst ein Junge vom Lande. Was er aber überhaupt nicht gerne hört.
Als Timothy das letzte Mal bei seinen Eltern zu Besuch war, diskutierten sie über deren großen Garten. Sein Vater erzählte ihm, dass es zu viel Arbeit macht, den ganzen Garten zu bepflanzen. Am liebsten würde er nur noch die Hälfte davon bewirtschaften. Es sähe aber nicht gut aus, die andere Hälfte verwil-dern zu lassen. Timothy schlug seinen Eltern vor, einen Teil des Gartens zu verpachten. Er empfahl ih-nen eine Anzeige in der lokalen Tageszeitung aufzugeben. Er sagte zu seinem Vater: »Am besten ihr gebt eine Anzeige auf, in der eure Adresse und Telefonnummer steht und das ihr die Hälfte des Gartens verpachten wollt. Ihr könnt weiterhin noch schreiben, dass die Fläche des Stückes 500 m² beträgt und dass der Garten sich zum Anbau von Gemüse und Salat eignet. Interessierende Personen mögen sich doch bitte telefonisch melden.«
Daraufhin lachte sein Vater und entgegnete ihm: »Dann kann es aber passieren, das ich auf meiner Ter-rasse sitze und irgend ein Fremder steht im Garten und hackt Unkraut oder gießt den Salat.«
Timothy lachte ebenfalls und meinte dazu: »Na dann holst du am besten zwei Flaschen Bier aus dem Keller und bietest dem Fremden eine davon an. Von da an seid ihr bestimmt Freunde fürs Leben.«
»Und wenn er lieber Wein als Bier trinkt – dann wird er bestimmt niemals mein Freund.«
»Also gut, ich werde eine Anzeige aufgeben, aber wenn sich keine sympathischen Leute melden, dann werde ich das ganze wieder abblasen.« sagte ihm sein Vater und gab Timothy zu verstehen, dass die Sache für ihn damit erledigt ist.
Timothys letzte Freundin, eine Normale, wie er immer zu sagen pflegte, hat ihn völlig entnervt verlassen. Das lag daran, daß Timothy an Schizophrenie erkrankt ist. Er leidet unter einem Verfolgungswahn, der ihn manchmal stark und manchmal weniger stark in Mitleidenschaft zieht. Dieser Verfolgungswahn löst in ihm Angstzustände aus, die ihn völlig hilflos werden lassen. Immer wenn er eine starke Panikattacke in Verbindung mit nervösem Zittern erleidet, läßt er sich in eine Nervenklinik einweisen. Dort ist er in einer geschlossenen Station untergebracht. Denjenigen die sich darunter nichts vorstellen können, sei gesagt: Das Betreten und Verlassen der Station durch die Patienten, wird dort vom Personal überwacht. Denn es kann passieren, daß manche Patienten aufgrund ihrer geistigen Krankheit die Station verlassen und nicht mehr zurückfinden. Zimmer, in denen die Patienten mit Bändern an das Bett fixiert sind, gibt es dort e-benfalls. Timothy findet es immer wieder spannend neue Bekanntschaften in der Klinik zu machen. Ist er dann wieder raus aus der Klinik, dann verabredet er sich mit ihnen für die unterschiedlichsten Unterneh-mungen.
Zu allem hat Timothy einen Kommentar. Spannend wird es dann, wenn er durch seine Verbesserungs-vorschläge und neuen Ideen sich seine Selbstbestätigung holt. Die Anregungen, das zu tun, was er tut, sind nicht einfach auszumachen. Eigentlich ist es nur eine Art Selbstgespräch das er führt. Schließlich hat er von niemandem einen Auftrag, sich mit all diesen Dingen zu befassen. Um zu zeigen, wie ausgefallen das Zustandekommen seiner Vorschläge ist, werden wir einfach einmal einen seiner Verbesserungsvor-schläge beschreiben. Es war an einem milden Sommerabend, als er beschloß, nach einem essensrei-chen Tag, etwas für die Gesundheit zu tun. Er zog sich seinen Jogginganzug an und schlüpfte in die Turnschuhe. Dann machte er im Wohnzimmer ein paar Lockerungs- und Dehnungsübungen. Dazu je-weils 20 Liegestützen und sit-ups. Als er außer Atem war und sich genug aufgewärmt fühlte, ging er zur Tür, schloß sie hinter sich ab und verließ das Gebäude. Die Sonne war gerade untergegangen, es herrschte beinahe Dunkelheit. Vor der Eingangstür machte er noch 20 Kniebeugen und lief dann einfach los. Er wollte bis zum Stadtpark und wieder zurück joggen. Es waren wenig Leute auf der Straße zu se-hen. Als er völlig außer Atem, kurz vor dem Stadtpark, an einer eingeschalteten Straßenbeleuchtung vorbei kam, schoß ihm blitzartig eine Idee durch den Kopf. Die Idee war die folgende: Wie wäre es wenn alle Straßenbeleuchtungen einen Bewegungsmelder zum Ein- und Ausschalten eingebaut hätten? Das bedeutet, das die Leuchten nur eingeschaltet werden und leuchten, wenn eine Person, ein Auto, ein Fahrrad, usw. sich in ihrer Nähe bewegt. Damit ließe sich eine enorme Stromersparnis erzielen. Schließ-lich ist es unnötig eine Straßenleuchte die ganze Nacht über eingeschaltet zu lassen, wenn niemand auf der Straße ist, der das Licht benötigt. Bei genauer Betrachtung wird man sicherlich feststellen, daß welt-weit Millionen von Straßenleuchten stundenlang unnötig leuchten. Der Vorschlag eignet sich allerdings nur für Wohngebiete und Dörfer, in der Stadt würde dies zu einer Art Discobeleuchtung mit dauerndem Ein- und Ausschalten führen.
Dem technisch unerfahrenen Leser sei gesagt: Ein Bewegungsmelder ist ein elektronisches Bauteil das jegliche Art von Bewegung in einem bestimmten Umfeld registriert. Meistens wird es an Häuserfronten angebracht, damit, wenn jemand bei Nacht auf die Eingangstür zugeht, die Leuchte angeschaltet wird. Über einen eingebauten Timer wird die Leuchte nach einer bestimmten Einschaltdauer dann wieder ausgeschaltet.

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Timothy überdachte in den folgenden Tagen seine Idee und befand sie nach weiteren Dauerläufen durch verschiedenste Ausleuchtungen für zukunftsträchtig.
Es dauerte einige Tage, dann gewährte ihm der zuständige Leiter des Chicagoer Straßenverkehrsamtes eine Audienz. Timothy nahm den Termin wahr, ohne sich - typisch für ihn - mit Fakten zu seinem Beleuchtungsplan befaßt zu haben.
Als er am Abend das Gespräch mit dem Amsleiter rekapitulierte, gab er diesem recht. Die Investitionskosten würden immens hoch sein und damit keiner Kosten-Nutzen-Analyse stand halten.
Müde zog er sein persönliches Fazit. Er würde nur noch bei Tageslicht laufen und damit sich und der Welt einen Gefallen tun.

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