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Idea

„Morgen“, so betritt er freudestrahlend die Küche, genau wie an jedem anderen, gewöhnlichen Morgen auch.
„Morgen, HAPPY BIRTHDAY“ fällt ihm seine Mutter direkt um den Hals, denn heute ist keiner dieser anderen, gewöhnlichen Morgende.

Es ist sein Geburtstag. Der 18. So lange hatte er sich auf diesen Tag gefreut. Pläne waren längst geschmiedet.
Was er bis zu diesem Tag alles geschafft haben wollte.

Was er ab diesem Tag alles schaffen will.

Er hat natürlich keinen seiner geschmiedeten Pläne wirklich in die Tat umgesetzt bis jetzt, wie gewöhnlich.
Und es lässt ihn, ebenfalls wie gewöhnlich, auch an diesem Morgen relativ kalt.
„Muss ich mir für die nächste Zeit eben bisschen mehr vornehmen“, dachte er noch, ehe er sich aus dem Bett erhoben hatte.
Sein schlechtes Gewissen hatte ihn schon erinnert, gezwungen eine Bilanz zu ziehen, noch bevor er die Augen richtig offen hatte.

Als er sich dann, noch gut gelaunt, schließlich in der Küche niederlässt, da plagt ihn bereits ein weiterer Gedanke, der die Leichtigkeit eines jeden seiner Geburtstage in der Vergangenheit zumindest ein wenig verfliegen ließ.
„Wird er anrufen?“, „wird er an mich denken?“ schießt es ihm durch den Kopf.

„Sicher wird er anrufen“, „dieses Mal, dieses eine Mal wird er mich nicht vergessen“. Denkt er. Redet er auf sich selber ein. Immer wieder.

Gemeint ist sein Vater.

Sooft hatte er auf ihn gewartet. Stundenlang neben dem Telefon gesessen, wenn er versprochen hatte, er würde anrufen.
Sooft hat er im Minutentakt aus dem Fenster gesehen, wenn er versprach, er würde ihn und seinen Bruder abholen.

Sooft umsonst.

Und es brach ihm das Herz. Jedes einzelne Mal, denn er liebt seinen Vater abgöttisch.
Niemand versteht ihn, „scheiß auf ihn“, sie sagen es sooft zu ihm.
Doch er kann es nicht.
So sehr er auch enttäuscht war, jedes Mal, wenn er wieder von ihm hängen gelassen wurde, so sehr freute er sich, wenn sein Vater ausnahmsweise dann eines seiner Versprechen wahr werden ließ.
Und auf diese Freude zählt er auch an diesem, seinem ganz besonderen Tag. Die immensen Erwartungen ließen in den voran gegangenen Tagen gar die Hoffnung aufkeimen, alles was sich die Jahre zuvor aufgestaut hatte könne durch eine besondere, besonders liebevolle Zuwendung seines Vaters einfach für immer der Vergangenheit angehören.
Als hoffte er darauf, dass dieser eine Anruf, dieses eine Geschenk ihm endlich beweisen können, dass er seinem Vater ebenso wichtig ist, wie sein Vater ihm.
Er hofft darauf, dass sein Vater ihm endlich in der Lage ist, zu zeigen, dass er ihn liebt, ebenso, wie er ihn liebt.
Sein größter Wunsch, jedes Jahr glaubt er wieder daran, dass er endlich in Erfüllung geht.

Doch so groß die Hoffnung für dieses Jahr auch ist, wie an jedem anderen Geburtstag ist er sich durchaus der Gefahr, doch enttäuscht zu werden, irgendwo in seinm Hinterkopf ständig bewusst.
Und an diesem Tag ist es ihm noch viel mehr, so besonders wichtig, an seinem besonderen Tag.

Was andere in seinem Alter alles bekommen zu ihrem 18. Autos. Führerscheine. Reisen. Werte. Gesten. Wonach er sich so sehr sehnt, teilweise ein Leben lang.

Und so sehr er sich auch über die vielen Glückwünsche freut, die er im Laufe des Tages entgegennehmen darf, über die Geschenke, die Angst diesmal wieder nichts von seinem Vater zu hören, sie ist groß, größer als das bisher je der Fall war.
Sie belastet ihn in jedem einzelnen Moment des Tages, von dem er sich eigentlich so sicher war, es würde einer der größten seines Lebens werden.
Beim Weg in die Schule genauso, wie bei der Feier im kleinen Kreis am Nachmittag.

„Was, wenn er nicht anruft?“, schreit es in ihm, im Laufe des Tages immer öfter. Immer lauter.
Und so sehr er sich, bis zum Abend noch gefragt hatte, warum ihn dieser Gedanke mit einer derartigen Schwere belastet, so sehr fällt es ihm Abends, zwanzig Uhr plötzlich wieder wie Schuppen von den Augen:
„Wenn er sich heute nicht meldet, wenigstens heute. Dann liebt er mich nicht. Dann kann ich ihm nur egal sein. Dann muss er mich hassen“.

So denkt er, als er bereits wieder mit einem Stuhl direkt in der Mitte des Zimmers sitzt. Um dem Telefon möglichst Nahe zu sein, um jedes Mal losstürmen zu könnn, sobald es klingelt.
Um jedes Mal mehr enttäuscht zu sein, wenn er nach dem Abnehmen nicht die ersehnte Stimme seines Vaters hört.

„Ich geh jetzt ins Bett“, sagt seine Mutter , als es längst Abend geworden ist und blickt ihn dabei mit sorgenvollen Augen an, denn sie weiß genau, worauf er wartet. Und sie befürchtet, genau wie er inzwischen selbst, was ihn erwartet.

Die Uhr zeigt bereits viertel vor zwölf.
Zehn vor zwölf.
Von vor zwöllf.
Zwölf.
Fünf nach zwölf, es kommen ihm die ersten Tränen. Er fühlt sich ungeliebt. Vergessen.
Noch ungeliebter, noch vergessener, als er sich sonst sowieso schon oft genug fühlt.
Er hatte so sehr darauf gezählt, dieser eine Tag, dieser eine Anruf, dieses eine Geschenk, sie könnten alles verändern. Zum Positiven.
Und wieder wurde er enttäuscht.
„Bis um eins bleibe ich noch sitzen, vielleicht ist ihm was Wichtiges dazwischen gekommen“, redet er sich selber noch mit der letzten verbliebenen Hoffnung ein.
Viertel nach zwölf.
Halb eins
Viertel vor eins.
Eins.
Fünf Stunden hatte er nun vor dem Telefon gewartet.
Eine davon weinend. Nun ist ihm klar: Er wird nicht mehr anrufen. Wahrscheinlich wäre er noch sitzen geblieben bis zum nächsten Morgen, hätte er noch im geringsten die Hoffnung wahren können, dass sein Vater ihn doch anruft.
Aber er kann es nicht. Also beschließt er, ins Bett zu gehen, denn der Schlaf ist der einzige Zustand, in dem er in der Lage ist, diese Kränkungen halbwegs aus seinem Gedächtnis zu verbannen.
Der einzige Zustand in dem er nicht den unbedingten Willen verspürt, sich gegen das Gefühl des nicht-geliebt-werdens wehren zu müssen.

Weinend steht er also auf, begibt sich ins Bad. Zähne putzen, waschen. Wie an jedem anderen, gewöhnlichen Tag.
In den Spiegel sehen, traurig sein darüber, die Gewissheit haben zu müssen, den nächsten Morgen aufzustehen und sich wieder ungeliebt zu fühlen.
Wie an jedem anderen, gewöhnlichen Tag.
Doch diesmal empfindet er, als er sich vom Spiegel weg in Richtung seines Zimmers begeben will, ganz plötzlich, wie etwas beginnt in ihm aufzusteigen. Denn es ist, es war nicht jeder andere, gewöhnliche Tag.
Die Gedanken, die ihm bereits direkt nach dem Öffnen der Augen durch den Kopf gingen, sie sind mit einem Mal wieder präsent.
Was er alles geplant hatte, sich alles vorgenommen. Und nicht erfüllt.
Was er sich selber alles versprochen hatte. Nicht gehalten.
Doch fühlen sie sich anders an. Intensiver. Viel merkwürdiger, diese Gedanken, sie machen ihm plötzlich eine solche Angst, dass es ihn beinahe lähmt beim Verrichten der abendlichen Routinen.
Und als er sich wieder zum Spiegel dreht, um noch einen Moment inne zu halten, noch kurz nachzudenken, um sich anzusehen, sich zu sagen „das bist du, du bist gut, genau so, wie du bist“.

Da sieht er plötzlich seinen Vater im Spiegel.

Und verliert vollkommen die Kontrolle. Fängt mit der bloßen Hand an, auf den dreiteiligen Spiegel einzuprügeln, bis nichts mehr von ihm übrig bleibt, außer Scherben.
So lange bis seine Mutter völlig aufgelöst das Bad betritt und ihn mit noch sorgenvolleren Augen anblickt.
Überall Scherben.
Überall Blut.
Er mittendrin. Sein Arm ist aufgeschnitten von den Fingern bis zum Ellbogen, doch er steht einfach da. Ohne sich zu rühren. Ohne eine Träne, irgend eine Emotion. Als wäre nach diesem Ausbruch der Wut nichts übrig geblieben, außer der totalen Leere.

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