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Ostermesse

Es roch nach Schimmel, Moder und toten Kellerasseln. Der Pfarrer schlug die Eichentür zu und hielt die Kerze in die Dunkelheit.
Bis gestern Nacht hatte sich in diesem Raum seit Jahrhunderten nichts verändert: Der Holzschrank, in dem die eine oder andere Ratte wohnte, der Kronleuchter aus Metall dessen rote Kerzen wie abgehackte, blutige Fingerstumpen zur Decke zeigten und das Kreuz in der linken oberen Ecke, waren die einzige Einrichtung gewesen.
Der Pfarrer machte einen Schritt in die Dunkelheit und ein süßlicher Geruch schlich sich in seine Nase. Sie hatte sich angepinkelt.
In der Mitte des Raumes stand ein Holzstuhl, mit einer hohen Lehne und kunstvollen Schnitzereien. Der Sitz hätte ein Thron sein können, wenn er nicht ein paar Eigenarten gehabt hätte: In der Sitzfläche war ein kreisrundes Loch herausgeschnitten, unter dem ein Eimer stand. An den Armlehnen hingen dicke Lederriemen. Am oberen Ende der Lehne war ein Seil befestigt, in dessen Mitte ein Tennisball gefädelt war.
Auf dem Stuhl saß seit gestern Nacht ein dreizehnjähriges Mädchen. Ihre Jeans und ihr Höschen waren so weit heruntergezogen, dass ihr freies Gesäß über dem Loch hing. Die Riemen gruben sich in ihre Arme. Der Tennisball spreizte ihren Mund und drückte ihren Kopf an die Lehne. Sie trug schulterlanges, weißes Haar. Ihre roten Augen waren gequollen. Nasenschleim verkrustete ihre Oberlippe. Sie trug nur ein Trägertop, was hier unten viel zu kalt war.
Als sie den Pfarrer wahrnahm, seufzte sie. Die Augen weiteten sich.
„Alles gut mein Engel. Gott wird dich bei ihm aufnehmen.“ Er streichelt ihr über die Wange. Dann zog er einen Dolch unter der Kutte hervor. Sie schrie. Er nahm zärtlich ihre Haare in die Hand und hielt sie nach oben, setzte das Messer auf ihre Stirn und drückte zu. Blut floss über die Klinge, sie brüllte. Der Pfarrer ritzte in das Fleisch, bis die Klinge auf dem Schädelknochen schabte. Behutsam drückte er die Schneide hoch und skalpierte das Mädchen. Schnitt für Schnitt lösten sich mehr Haare und Haut. Blut floss über ihr Gesicht.
Mit einem Ruck riss er die Kopfhaut schließlich vom Nacken und schmiss den Skalp in die Finsternis, wo er auf den Boden klatschte.
An einigen Stellen ihres Hinterkopfes blitze der weiße Schädelknochen auf. Tränen verschmierten die Maske aus Blut vor ihrem Gesicht.
„Tut es sehr weh?“
Sie schrie. Die Augen tanzten wild in ihren Höhlen, Urin plätscherte in den Eimer unter ihr.
„Du bist doch noch immer wunderschön“, versuchte er sie zu trösten. „Gott liebt dich, glaub mir. Er wird so lange bei dir bleiben, bis du zu ihm kommst.“
Ihre Schreie wurden nur noch lauter. Der Pfarrer musste sich von ihr abwenden. Er würgte, wankte zu der Eichentür und setzte das Mädchen wieder der Finsternis aus.

Seit über dreißig Stunden hatte der Pfarrer nicht mehr nach dem Mädchen gesehen. Das war ein Fehler; wenn sie tot war, war alles umsonst gewesen.
Er hatte sich nicht überwinden können, in das Verlies zu gehen. Allein der Gedanke an das Mädchen war wie ein Schlag in die Magengrube. Das Bild des skalpierten Kopfes hatte sich in seine Iris eingebrannt. Er hatte weder schlafen noch etwas essen können.
Er drehte den handflächengroßen Schlüssel in dem Schloss um und öffnete die Eichentür. Ein Gestank aus Fäkalien und verwestem Fleisch schlug ihm entgegen. Er zündete die Kerze an und schloss die Tür hinter sich. So wenige wie möglich versuchte er die Luft einzuatmen und ging auf das Mädchen zu. Für einen Moment blieb ihm beinahe das Herz stehen. Das Mädchen hing schlaff an den Lederriemen, sie war über und über mit Blut verschmiert, selbst auf dem Boden hatte sich eine Lache gebildet.
„Lebst du noch?“ Sie reagierte nicht. „Lebst du noch?“
Er raufte sich den Haarkranz, dann beugte er sich nach unten, um in ihr Gesicht sehen zu können. Nicht deutet auf ein Lebenszeichen hin.
Gott, das darf jetzt nicht war sein, dachte er. Wie ein wütendes Kind stapfte er mit dem Fuß auf den Steinboden.
Er legte das Tongefäß, das er mitgenommen hatte auf den Boden, holte den Dolch unter seinem Gewand hervor und stach ihn in den Bauch. Das Mädchen ekelte ihn. Er konnte sie nicht mit seinen bloßen Händen berühren. Die Klinge bohrte sich tief in das junge Fleisch. Sie stöhnte und öffnete die Augen.
„Danke, danke, danke.“
Das Messer legte er auf den Boden, schlich hinter den Stuhl und löste den Seil. Sofort fiel ihr der Ball aus dem Mund. Der Pfarrer stellte sich vor sie und starrte sie eine Zeitlang einfach nur an. Ihr Kinn lehnte auf ihrem Brustkorb, sie schien kaum bei Bewusstsein.
„Wie geht es dir?“
Erst regte sie sich nicht, doch dann hob sie den Kopf und klotzte ihn an. Weder Wut noch Abscheu oder wenigstens Furcht lagen in ihrem Blick. Das machte ihm Angst.
„Stich mich endlich ab“, hauchte sie.
Ein Quieken entfuhr ihm. Die Stimme des Mädchens klang schwach und zugleich dämonisch. Er stand kurz vor einem Herzinfarkt.
Schnell bückte er sich nach einem Krug, der mit Wasser gefüllt war, und hielt ihm dem Mädchen an den Mund. Sie trank etwas, doch das Meiste rann an ihrem Kinn herab.
Als er ihr wieder den Tennisball in den Mund stopfte, quoll noch immer Blut. Dann rauschte er aus dem Verlies, um sich zu übergeben.

Am nächsten Morgen gegen halb zehn saß eine verheulte Frau in dem Pfarrzimmer. Der Pfarrer konnte ihr kaum zuhören, er fühlte sich schwach und elend. In der Nacht hatte er starkes Fieber gehabt. Im Wahn hatte er geglaubt, um sein Bett herum hätte es gebrannt. Dämonen und Schatten hätten um ihn getanzt und ihn ausgelacht. Sie hätten behauptet, dass was er mache, würde nichts beweisen.
Die Frau kannte er. Sie war jeden Sonntag hier und sang im Chor. Mindestens einmal die Woche beichtete sie ihre lächerliche Sünden.
„Die Polizei sucht schon seit drei Tagen nach ihr. Ohne Spur. Sie war mit ihren Freundinnen im Kino und ist danach allein auf den Weg nach Hause gegangen.“
Das alles waren Informationen, die der Pfarrer längst kannte.
„Ich habe gestern den ganzen Tag für sie gebetet und trotzdem fühle ich mich so hilflos. Ich will was unternehmen, irgendetwas machen.“
Der Pfarrer atmete durch. Er musste stark und mitfühlend klingen.
„Meine liebe Frau, Gott legt seine schützende Hand über ihre Tochter, da bin ich mir sicher. Ich kann ihnen nicht versprechen, dass sie je zu Ihnen zurückkehrt, aber sie wird nicht sterben. Gott ist verhüllt und verborgen vor den Augen aller Weisen, aber er offenbart sich den Kleinen und Demütigen, denen er Gnade gibt.“
Die Frau schrie, sprang auf und torkelte aus dem Büro. Der Pfarrer ließ sich in seinem Stuhl zurückfallen. Er hatte vernünftig reagiert. Sie hatte nicht gemerkt, wie schlecht es ihm ging.
Er nahm ein Buch mit gebrochenem Einband, dass den Titel „De docta ignorantia“ trug und blätterte zum tausendsten Mal in ihm.

Um die Mittagszeit ging er in das Verlies hinunter. Er zitterte und fröstelte, zugleich tropfte Schweiß von der Stirn.
Als er die Tür hinter sich zuknallte und die brennende Kerze auf den Boden stellte, öffnete das Mädchen die Augen. Sie starrte ihn an, wirkte beinahe Neugierig, als ob sie wissen wollte, was sie jetzt erwartete.
Er holte den Dolch hervor.
„Weißt du mein Kind, um sehen zu können, braucht man keine Augen. Du hast ein geistiges Sehen, welches in das schaut, was früher ist als alle Erkenntnis.“
Er stellte sich vor sie. Sie blinzelte nicht, noch nicht einmal, als die Klinge nur wenige Zentimeter vor ihrem rechten Auge tanzte.
Er stach zu. Das Messer bohrte sich in die Augenhöhle. Der Griff entglitt seine Hand, die Knie knallten auf den Steinboden, er übergab sich. Das Messer steckte in ihrem Schädel.
Das Verlies drehte sich. Die Dunkelheit kam näher.
„Sei vernünftig. Beende was du angefangen hast. Sei vernünftig“. Seine Stimme klang unheimlich in seinen Ohren. Mit letzter Kraft kämpfte er sich auf die Beine. Das Auge des Mädchens rann aus dem Schädel. Er zog das Messer heraus und stach es sofort in das Andere. Sie schrie nicht - regierte auf keine Art und Weise. Es war beängstigend, als würde er einen leblosen Dämon malträtieren. Wieder zog er die Klinge heraus und ließ sie dann auf den Boden fallen.
Er taumelte aus der Finsternis.

Erst eine halbe Stunde vor der Ostermesse hatte er genug Kraft gesammelt, um ein letztes Mal in das Verlies zu gehen. Der Geruch von Fäkalien und der faulenden Kopfhaut erreichte ihn schon zwei Meter vor der Eichenholztür. Er hatte keine Hand frei um sich die Nase zuzuhalten. In der einen hielt er die brennende Kerze, in der anderen den Schlüssel.
Er speerte auf und betete, dass er nicht zu spät gekommen war.
Er erschrak nicht, als sie sich nicht rührte. Selbst wenn sie noch lebte, durfte sie nicht mehr in der Lage sein, sich zu bewegen. Er schlich hinter die Lehne des Stuhls. Ein letztes Mal löste er den Knebel. Der Tennisball rutschte aus dem Mund und der Kopf fiel nach vorne.
„Lass sie leben! Bitte lass sie leben. Gib ihr noch fünf Minuten.“
Das Mädchen schlug die leeren Augenhöhlen auf. Alle zehn Sekunden bewegte sich ihr Brustkorb. Mehrmals versuchte sie den Kopf zu heben, schaffte es aber nicht.
„Es ist in Ordnung“, sagte er im Tonfall eines liebenden Vaters.
„Sag mir nur“, er holte Luft. „Hast du ihn gesehen?“ Das Herz raste. Auf diesen Augenblick hatte er so lange gewartet.
Sie reagierte nicht. Er biss sich auf die Lippe, er musste ruhig bleiben.
„Hast du ihn gesehen?“
Wieder sagte sich nichts. Sie nahm ihn nicht mehr wahr.
Der Pfarrer beugte sich zu ihr herunter und zischte in ihr Ohr:
„Hast du ihn gesehen?“
Die Kirchenglocken begannen, zum Gottesdienst zu schlagen.
Plötzlich zitterte ihre Lippe. Sie wollte etwas sagen, aber es fehlte ihr die Kraft.
„Lass dir Zeit, mein Kind.“
Dann glaube er die Antwort zu vernehmen: „Ja.“
„Was hast du gesehen? Sag mir, was du gesehen hast! Ich muss es wissen, alles muss ich wissen. Sag‘s mir.“
Sie schloss ihre Augenhöhlen. Der Pfarrer packte ihren Kopf und schüttelte ihn, schlug ihn gegen die Stuhllehne.
„Sag mir, was du gesehen hast“, schrie er.
Die Kirchenglocke läutete ein letztes Mal.
Er nahm den, auf den Boden liegenden, blutverschmierten Dolch. Ein letztes Mal schritt er aus dem Verlies. Er ließ die Tür offen, das Mädchen sollte schnell gefunden werden.
In der Kirche waren alle Plätze besetzt. Er nickte einem Messdiener zu, der die Glocke läutete. Die Besucher standen auf. Die Orgel ertönte. Der Pfarrer schritt zum Altar. Zwei Messdiener flankierten ihn. Als die Orgel zu spielen aufhörte, hob er die Arme. Ein Raunen ging durch die Kirche. Sie sahen das Blut an seinen Händen. Ein Kind begann zu weinen, eine Frau kreischte.
„Liebe Gemeinde, ich habe heute ein Engel gesehen. Er hat mir das versichert, an das wir alle heuchel zu glauben und es doch nicht tun. Denn wenn der verborgene Gott nicht mit seinem Licht das Dunkel vertreibt und sich offenbart, bleibt er gänzlich unbekannt. Doch das wissende Nichtswissen wurde mir heute genommen! Ein Engel versicherte mir, Gott gesehen zu haben!“
Die letzten Worte schrie er, zog den Dolch und rammte ihn in seine Kehle. Doch noch bevor der erste Blutstropfen auf dem Boden landete erkannte er, dass er Nichts verstanden hatte.

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Ein religiös, fanatischer Pfarrer quält ein 13 jähriges Mädchen. Er möchte die Existenz Gottes Beweisen und dass Mädchen soll durch eine Nahtoderfahrung als Medium dienen.

!Der Text ist nichts für schwache Nerven!

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Folter, Horror, Religion

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alexru91alexru91

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