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Hinter Mauern

Sie lag auf der Liege und hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Ihr Blick verlor sich in den Wipfeln der unendlich hohen Bäume, ihr rechter Fuß wippte im Takt der Musik, die in voller Lautstärke aus der Ohrstöpseln durch ihren gesamten Körper pulsierte.
„Holen Sie sich bei der Schwester Ihre Medikamente und dann gehen Sie in den Park, bis Sie wieder zur Ruhe gekommen sind“, hatte die Therapeutin zu ihr gesagt und sie des Raumes verwiesen, wo sie gerade voller Wut Pinsel und Farbe an die Wand geworfen hatte.
Die Wut kochte noch immer in ihrem Magen. Was sollte das denn? Für was sollte das gut sein? Zusammengepfercht mit den ganzen Kranken dort in diesem stickigen Atelier. Als würde es alle Probleme lösen, wenn sie stumpfsinnig auf einer dämlichen Leinwand herumklecksen würde!
Annie setzte sich auf und riss sich die Ohrstöpsel aus den Ohren. Sie stand auf und marschierte wütend zurück zum Haupthaus. Sie nahm den Kaugummi aus dem Mund und warf ihn absichtlich neben den Mülleimer neben der Bank. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben ging sie an der Raucherhütte vorbei und betrat das Haus durch den Hintereingang.
Eine der Krankenschwestern ihrer Station kam ihr schon entgegen. „Da sind Sie ja, Frau Berger, man sucht Sie schon. Sie sollten sich doch Medikamente bei der Pflege abholen!“
„Ich brauche keine Medikamente. Mir geht es gut!“, entgegnete Annie und versuchte, sich an der korpulenten Pflegerin vorbei zu zwängen.
„Ihnen geht es gar nicht gut, Frau Berger!“, sagte die Pflegerin leise und hielt Annie am Arm fest. „Sie haben Ihre Emotionen nicht im Griff und mit Ihren Wutausbrüchen verängstigen Sie die Mitpatienten. Deshalb nehmen Sie jetzt Ihre Medikamente und legen sich ein wenig hin, bitte!“
Annie gab auf. Was brachte es schon? Je mehr man sich zu Wehr setzt, umso mehr macht man auf sich aufmerksam und umso mehr wird man ruhig gestellt. Also folgte sie widerspruchslos der Pflegerin, nahm den kleinen Becher mit der braunen, bitter schmeckenden Medizin entgegen, trank und schluckte und ging wortlos wieder hinaus in den Park, zurück auf die Liege, von der sie gerade aufgestanden war. Sie legte sich zurück und blickte in die dichte Krone des über ihr aufragenden, mächtigen Baumes bis die ekelhafte, braune Medizin sich den Weg durch ihren Körper gebahnt und seine Wirkung entfaltet hatte.
Es wurde schon dämmrig draußen, als Annie wieder erwachte. Sie fröstelte leicht und setzte sich auf. Sie vernahm anerkennende Pfiffe, die von der Raucherhütte kamen und drehte sich um. Jemand kam den Weg vom Haus herunter auf sie zu, jemand, dem offenbar diese Pfiffe galten. Erst als sie direkt vor stand, erkannte Annie sie - es war Jana, ihre ehemals beste Freundin. Lange hatten sie sich nicht gesehen. Was wollte sie hier? Ausgerechnet jetzt und ausgerechnet hier!
„Es war nicht leicht, dich zu finden“, sagte Jana und blickte sich suchend nach einer Sitzgelegenheit um.
„Vielleicht wollte ich nicht gefunden werden!“, entgegnete Annie scharf.
„Darf ich?“, fragte Jana und deutete auf die Liege, auf der Annie saß.
„Nein, darfst Du nicht!“, zischte Annie. „Was willst Du überhaupt hier?“
Jana seufzte und stellte ihre Tasche auf der Wiese ab. Dann ging sie über den Rasen bis zu einer freien Liege, zog sie heran und setzte sich.
„Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte sie und zog ein kleines Päckchen aus der Tasche, um es Annie zu reichen.
Annie ignorierte es jedoch, steckte die Ohrstöpsel in die Ohren und legte sich zurück auf die Liege. Mittlerweile war es schon ziemlich dunkel. Die Laternen im Park brannten bereits und bis auf leise Stimmen aus der Raucherhütte war es still. Eine Katze huschte über den Weg und verschwand in den Büschen. Im nahegelegenen Ort läuteten nun die Glocken, wie jeden Abend um diese Zeit.
Annie nahm die Musik wieder aus ihren Ohren und ohne Jana anzublicken fragte sie: „Wie hast Du mich gefunden?“
„Eigentlich war es Zufall“, antwortete Jana. „Ich habe Deinen Bruder in der Stadt getroffen. Er erzählte mir, dass du seit vier Wochen hier in der Klinik bist.“ Jana zögerte. „Wortwörtlich hat er gesagt, dass du in der Klapse bist, wo du schon immer hingehört hättest….“
Annie schwieg einen Moment, dann schnaubte sie: „Der! Was weiß der denn schon!“
Am Hintereingang des Haupthauses ging das Licht an und kurz darauf hörte man, wie nach Annie gerufen wurde.
„Sie suchen nach Dir!“, sagte Jana und erhob sich.
„Bleib sitzen, verdammt!“, rief Annie und sprang auf. „Lass sie doch suchen!“ Sie setzte sich wieder und blicke Annie entschlossen in die Augen. „Also, was willst Du hier?“
Jana rutschte unbehaglich auf der Liege hin und her. Dann sagte sie leise: „Du weißt genau, warum ich hier bin. Es betrifft mich genauso, wie dich. Was er dir angetan hat, das hat er auch bei mir getan. Und du weißt das. Ich bin nur nicht so daran zerbrochen wie du. Warum gibst du mir keine Chance? Wir könnten uns gegenseitig helfen. Wenn wir zusammenhalten, dann können wir gemeinsam zur Polizei gehen und den Kerl anzeigen! Was bringt es denn, wenn du dich hier verkriechst!“
Annie sprang wieder auf und schrie: „Ich verkrieche mich hier nicht. Ich bin nicht freiwillig hier. Sie haben mich hierher gebracht, nachdem ich diese ganzen Medikamente geschluckt habe. Und ich will überhaupt nicht wissen, was er mit dir gemacht hat. Ich will überhaupt gar nichts mehr wissen. Ich will nur noch meine Ruhe !“
„Frau Berger? Sind Sie das?“, hörte man nun erneut die Stimme der Pflegerin. „Da sind Sie ja. Meine Güte, wir haben uns wirklich schon Sorgen gemacht. Kommen Sie jetzt bitte herein, ja?“
Annie saß zusammengesunken auf der Liege und schluchzte. Jana setzte sich neben sie und strich ihr über den Rücken. „Ich bin Annies Freundin“, sagte Jana zur Pflegerin. „Ich wollte sie nur kurz besuchen. Ich bringe sie dann gleich hinein. Ist das in Ordnung?“
Die Pflegerin schien einen Moment unentschlossen. „Na gut, ich weiß ja, wo Sie sind“, entschied sie dann und ging zurück zum Haus.
„Annie, bitte!“, flüsterte Jana verzweifelt. „Bitte, lass dir doch helfen. Wir schaffen das! Wenn wir beide vor der Polizei gegen ihn aussagen, dann glauben sie uns auch!“
Annie schüttelte den Kopf. „Nein“, schluchzte sie leise. „Nein, niemand wird uns glauben. Wir hätten mit ihm diesen Ausflug nicht machen dürfen. Er wird abstreiten, jemals mit uns am See gewesen zu sein. Ein Priester und zwei junge Frauen am See – niemand würde uns glauben, dass er das getan hat.“
„Aber ich habe einen Beweis, dass er mit uns dort war“, sagte Jana.
Ein Flugzeug dröhnte über sie hinweg und am Nebengebäude schlug die Eingangstür zu.
Annie schüttelte Janas Hand ab und stand auf. Sie nahm Janas Tasche und drückte sie ihr in die Hand. „Das ist mir egal“, sagte sie und schluckte den Schluchzer hinunter, der ihr noch in der Kehle saß. Die Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Überlege es Dir noch einmal“, sprach Jana. „Vielleicht brauchst Du noch Zeit. Ich komme in ein paar Tagen noch einmal vorbei. Komm, dann bringe ich Dich jetzt hinein!“
„Nein, geh du nur. Ich bleibe noch ein paar Minuten, dann gehe ich hinein. Versprochen.“ Annie wandte sich ab und zog die Ohrstöpsel wieder aus der Jackentasche.
„Wie du meinst. Aber das lasse ich dir hier.“ Jana legte das kleine Päckchen auf die freie Liege. Sie betrachtete Annie, die sich zurückgelehnt hatte und mit angezogenen Beinen und geschlossenen Augen so verletzlich da lag wie ein kleinen Kind. „Machs gut, Annie“, flüsterte Jana und ging langsam zurück zum Haus.
Die Turmuhr der Kirche schlug zehn Mal, als man Annie später fand.
„Wer schenkt einer suizidgefährdeten Patientin einen Bilderrahmen aus Glas?“, fragte der Polizeibeamte, als er den Unglücksort untersuchte. „Diese Frau da – die auf dem Foto hier ihm Rahmen. Ihre Freundin offenbar...“, antwortete die Pflegerin, die mit kalkweißem Gesicht auf der freien Liege saß, eingehüllt in eine Decke, die die Sanitäterin ihr um die Schultern gelegt hatte.
Der Polizeibeamte schüttelte erstaunt den Kopf: „Ein Priester und zwei junge, hübsche Frauen halbnackt am See. Sehr ungewöhnlich!“ Er packte das Foto und die Scherben des Bilderrahmens in eine kleine Tüte.
Das Licht über dem Rundbogenfenster am Haupthaus erlosch. Eine kleine Katze sprang über die dunkle Wiese. Die Patienten, die von der Unruhe im Park aus dem Schlaf gerissen worden waren, gingen nach und nach von den Fenstern weg und legten sich zurück in ihre Betten.

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Ein letztes verzweifeltes Gespräch im Park einer Psychiatrie. Das Geschenke einer Freundin, die genutzte Gelegenheit, die Ironie des Schicksals.

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Freundin, Freundschaft, Geschenk, Mauer, Priester, Psychiatrie, Selbstmord, Suizid

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demanding 2, touching 2

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paddypaddy

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